LOGBUCH ECUADOR & GALAPAGOS VON CHRISTINE GRANDY-DICK

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Das Buch:

Ein kenianisches Sprichwort besagt: "Es ist besser, etwas mit eigenen Augen gesehen zu haben, als mit eigenen Ohren gehört."

Die Autorin reist knapp zehn Wochen durch sämtliche Klimazonen Ecuadors. Nachdem sie zwei Tage in Venezuela steckenblieb, lernt sie Spanisch in Quito und erkundet nebenbei die Vulkane Imbabura, Corazon, Cotopaxi, Guagua Pichincha und Cayambe. Sie bewegt sich per Einbaum und zu Fuß durch das Rio Cuyabeno Regenwald Gebiet. Auf dem Rücken verschiedener Pferde und Sättel genießt sie eine andere Perspektive auf das Pululahua Geobotanical Reserve oder die Landschaft um Andengipfel wie Illinizas, Ruminahui, Sincholagua und Pasochoa. Ecuadors hilfsbereite Menschen wärmen mit ihrer Gastfreundschaft das Herz. Von San Cristobal aus, wo sie als Volunteer für eine NGO-Organisation arbeitet, lernt sie die Charles Darwin Station auf Santa Cruz kennen und deren beispiellosen Einsatz für die letzten Riesenschildkröten. Unterirdische Lavakanäle ziehen magisch in faszinierende Parallelwelten, Floreana verzaubert durch geheimnisvolle Reliquien der Geschichte und die Insel Isabela entpuppt sich als Tauch- und Wanderparadies während Krater Wolf den Nebelschleier lichtet und hunderte urzeitliche Marine Iguanas den Pfad kreuzen.

Obiges Stichwort hat sich umso mehr auf ihrer Reise bewahrheitet, als sie am eigenen Körper die Nebenwirkungen ökologischer und politischer Veränderungen erfahren hat. Das gibt ihr Motivation und innere Sicherheit zu handeln.

Autorenportrait : Christine Grandy-Dick

In Köln geboren, Bankkauffrau, in New York, München und Salzburg ausgebildete Bildende Künstlerin. Ausstellungen auch in Landshut, Erding und Ebersberg. Mitglied in dessen Kunstverein und auf www.100bilder.de. Es wurden diverse Kataloge veröffentlicht. Ankäufe der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Gründungsmitglied und Seminarleiterin www.sommerakademie-Landshut.de. Auch bei google werden sie Informationen finden.

Leseprobe

Fr., 8.1.2010 München - Amsterdam - Bonaire

Anders als vor vier Wochen, kommen wir diesmal pünktlich an. Es passierte auf dem Rückweg einer Zeugenaufnahme vor Gericht. Freudig erregt, dieses unliebsame Treffen hinter mich gebracht zu haben, biege ich von der vereisten B 12 in die bereits nachtdunkle A 8 bei Kempten,

drehe mich suchend um nach einer Lücke auf der linken schneevermatschten Fahrbahn. Berufsverkehr, Pendler, aber alles friedlich in dichte Flocken gehüllt, verheißungsvoll winkt der Feierabend. Perfekt, Wechsel trotz schlechter Sicht geklappt, Jacke kurz zurecht gezurrt, ich schau’ nach vorn, wo eben noch bestimmt zehn Meter Platz waren … der Ford bremst stark ab. Wenn ich das jetzt nachmache, sitze ich auf ihm drauf, das wird mir in Hundertstelsekunden klar, wenn ich aber das Steuer nur eine Idee nach rechts ziehe, sachte, müsste das Ganze noch zu retten sein. Ich lande zu schnell am rechten Fahrbahnrand, zerre unwillkürlich links, gefühlsmäßig nur ein bisschen, Fuß vom Pedal, meine ich jedenfalls, pralle gegen die Mittelleitplanken, reiße wieder das Steuer reflexhaft in die Gegenrichtung, viel scheint ja nicht passiert zu sein, und lasse meinen Wagen in Zeitlupe die Böschung hinunterrollen, als ich irgendwie spüre, dass sich die Sache verselbständigt, wieder beschleunigt … Oben rauschen Lichter ungerührt vorbei, etwas gespenstisch hier unten, linkes Handgelenk instinktiv gegen das Innendach gestützt, verstaucht, rechtes an der Kupplung, die Tür lässt sich nicht öffnen, ein junger Mann rennt den Hang hinab auf mich zu, unsichere Miene ob des zu befürchtenden Anblicks. Er öffnet die Beifahrertür, sie bleibt im gefrorenen Grasboden stecken, ich rapple mich

auf, betrachte den Film. Dreissig Jahre keinen Unfall erlebt, eine tatkräftige Frau ruft Polizei, Abschlepp- und Krankenwagen, das ganze Programm eben. Es dauert … spüre kaum die Kälte, fühle mich von den beiden liebevoll gepäppelt wie ein Kind, das eigentlich Strafe verdient. Erleichterung, niemand ist verletzt, kein anderes Auto involviert. Meins hat Totalschaden und eine Rechnung der Straßenmeisterei folgt auf dem Fuß. Fahre mit dem Zug nach Hause, mein Sohn holt mich ab, keine Vorwürfe von Hans, warmes Nest. Ich glaube nicht mehr an Gott, Schutzengel oder ähnliches – aber ich habe einen.

Warum ich das erzähle? Zwei Teilnehmer unserer intimen Gruppenreise nach Patagonien vor einem Jahr hatten den, wie ich finde, umsichtigen Veranstalter mit fadenscheinigen Begründungen auf Schadensersatz verklagt. Vier  Mitreisende aus Bayern wurden deshalb zwangsweise als Zeugen vorgeladen; niemand von uns hatte Lust, alle haben sich im Vorfeld beim Richter beschwert, Himmel und Gesetzestexte in Bewegung gesetzt, um nicht erscheinen zu müssen. Vergeblich. Genervt treffen wir uns vor der Verhandlung auf einen Kaffee, machen unserem Ärger Luft, haben aber genug Zeit, wunderbare gemeinsame Erinnerungen aufzufrischen. Den Prozeß hat die Gegenseite dann übrigens mit Pauken und Trompeten verloren, sämtliche kostenmindernde Argumente erwiesen sich als nicht stichhaltig. Trotzdem packe ich meinen Rucksack dieses Mal lieber wieder allein. Wir kommen also pünktlich an. Johannes bringt mich zum Flughafen München, nachdem er das Auto von Eis und Schnee befreit hat, wie schon so oft in diesem früh begonnenen Winter. Auch die nächsten Tage ist viel von der weißen Pracht angesagt. Trotz der prekären Wetterverhältnisse – ich bekomme immer noch Zustände auf glatten Fahrbahnen, der Schock von neulich sitzt hartnäckig in den Kniekehlen – lädt Sohnemann mich mit dickem Zeitpolster um 9.15 Uhr bei Departures raus. Erste Überraschung – ich hatte ja schon damit gerechnet – mein 10.15 Uhr KLM-Flug nach Amsterdam ist gecancelt. Beim Umbuchen auf die 11.55 Uhr Maschine erfahre ich, dass der Flieger nicht etwa wegen des Eises ausfällt, sondern aufgrund eines technischen Defekts, wie man sich ausdrückt. Die Abfertigung am Schalter geht quälend langsam und eher rückwärts voran und auch die anderen „Versetzten“ murren zeitweise. Nach einer Stunde kann ich endlich meinen Rucksack direkt nach Quito einchecken und und habe auch schon einen bequemen Gangplatz reserviert. Durchleuchten geht ohne Schuheausziehen vonstatten, ich stoße gleich auf eine Saftbar, die frisch gepressten, quietschgrünen Kiwi-Melonensaft für € 5,50 das Glas anbietet und stelle meine hängenden Flügel umgehend wieder auf. Bin einfach zu früh aufgestanden heute, unterforderndes Warten macht wieder schläfrig. Hans wird heute Mittag in Straubing die Nasenwand operiert, was

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Schnarchen komplett eliminieren soll. Um 12 Uhr geht es endlich los und eineinhalb Stunden später landen wir im -5° C kalten, grauen, vollkommen schneebedeckten Amsterdam-Schiphol. Ein muffiger Schalterbeamter verkauft mir lustlos ein Return Ticket zur Centraal Station und auf die Frage nach den Tracks raunzt er bissig: „Da, wo Amsterdam drauf steht!“ An den Gleisen laufen anscheinend mehr Touristen als Einheimische herum, die sich auch nicht besser auskennen bzw. mich nach dem Weg fragen! Zwanig Minuten später stehe ich aber schon am Hafen, wo die Cruiseboote Richtung Nordsee halb eingefroren vor sich hin starren. Der lausige Wind weht mich auf die Südseite des Bahnhofs, Haltepunkt für zahlreiche nostalgische Straßenbahnen, um von der ersten Brücke aus das imposante Backsteingebäude zu fotografieren, das teilweise leider mit Baukränen umstellt ist. Hinter etlichen Absperrungen versteckt finde ich schließlich das Touristoffice mit wenigen kostenlos verfügbaren Infoflyern. Eine dunkle Holztreppe, seitlich an gekalkten Wänden mit Kacheln in beige-delfterblau gefliest, zieht mich ins untere Café, wo ich mit einem starken Espresso entschädigt werde und den milchigtrüben Blick auf die Gracht und behäbige Nikolaus Kerk genieße. Schuberts Winterreise fällt mir ein, aber eigentlich bin ich viel zu aufgekratzt für solche Stimmungen. Als klimatischen Kontrast und gute Einführung in die Regionen Südamerikas habe ich mir zuerst das Tropenmuseum im Oosterpark vorgenommen. Mein im Internet ausgedruckter Stadtplan scheint mehr als dürftig, er unterschlägt Nebenstraßen und bald hapert es gewaltig mit der Orientierung. Diffus versucht sich die Sonne durch den Hochnebel, ich ziehe fröstelnd die Kapuze meiner Daunenjacke hoch, und bei jedem Blick ohne Handschuhe auf die Karte sterben meine Finger ein kleines bisschen mehr ab. Alle Straßen, Wege und Fahrradspuren sind schneebedeckt und besonders auf den Übergängen sauglatt. Jetzt bloß nicht blöd ausrutschen, das fehlte noch! Zwischendurch frage ich immer wieder Passanten nach meinem Ziel und bekomme freundlich Auskunft. Unermüdliche Radfahrer, ganz schön mutig die Holländer, sieht richtig lässig aus, machen das wirklich 365 Tage im Jahr. Neunzig Minuten bleiben mir für den Südamerika-Wing, der wie ein Völkerkundemuseum kontinental übergreifend einen Bogen spannt von der Antike über die Kolonialisierung bis zur Religiosität von heute. Fotografiere goldglänzende Schätze aus Ecuador und Entdeckerrequisiten von Humboldts Reisen. Für Kaffee ist es zu spät – man schließt gleich – heißes Leitungswasser in der Toilette muß reichen und dann wandere ich die heute ruhige Singelgracht, im Sommer von umtriebigen Touristenbooten frequentiert, entlang. Es ist schon fast dunkel, als ich das Rijksmuseum erreiche. Trotz umfassender Renovierungen stehen zwei Stockwerke mit niederländischen Kunstschätzen des 17. und 18. Jahrhunderts zur Verfügung. Raumhohe Puppenhäuser, getriebene Silberschalen mit mythischen Motiven, kostbar geschnitzte Truhen und Kinderbetten aus dunkel poliertem Holz ziehen mich in ihren Bann, Delfter Porzellan, z. B. als Blumenpyramide für den Stadthoulder William III. von Oranien & Maria Stuart, oder bei den Ölgemälden die Stillleben und Spitzenverzierungen. Ich bewundere geballte Kostbarkeit mit Handwerk auf höchstem Niveau verbunden, in einer Zusammenstellung, die mir das Herz erwärmt. Das Café Cobra um die Ecke hat schon geschlossen, und so kann ich meinen Gutschein dort nicht einlösen. Versuche deshalb, ab 19 Uhr einen Rückweg durch die zahlreichen Gassen zu finden, über Prinsengracht, Utrechtstraße, Rokin und Damrak. Dabei komme ich durch eine ziemlich verlassene Gegend, in der vor Kurzem noch ein Gemüse- und Fischmarkt Waren feilgeboten hat, wie man unschwer trotz der Kälte riechen kann. Abfälle verstreut wie früher in Harlem, ab und zu hasten junge Leute ins winkende Wochenende oder die nächste heimelige Wirtsstube. Irgendwie hab ich mich verlaufen, eine ältere Dame bringt mich zurück auf eine übersichtlichere Straße und später ein Student, als ich erneut den Faden verloren habe. Um noch in die Odde und Nieuwe Kerk zu schauen, ist es zu kalt und rutschig. So kehre ich kurz vor dem Bahnhof, auf der Touristenmeile Damrak, in eine Brasserie ein, um kräftige Fleischbrühe und Hot Chocolate ohne Sahne zu schlürfen. Der Zug zum Flughafen ist superpünktlich und braucht mit zwei Stopps zwischendrin nur achtzehn Minuten. Den Weg zur dortigen Dependance des Rijksmuseums kann mir leider keiner richtig erklären, also habe ich genügend Zeit, mich frisch zu machen und in etwas Bequemes für den Nachtflug zu schlüpfen. Noch ein Leberkäsbrot von heute morgen zwischen die

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Kiemen. Am Gate F 06 stehen schon Serpentinen von Menschen aller Kulturen, die wie ich mit der MC Donnell Douglas MD-11 nach Quito wollen. Sie beherbergt 285 Passagiere, hat eine Spannweite von knapp 52 m und ist 61 m lang. Die Schwingen der KLM-Maschine biegen sich an den Spitzen hoch wie früher die unserer selbstgebastelten aus Papier. Wegen Problemen mit dem Wasserreservoir und gewissen Papieren starten wir erst mindestens eine Stunde nach dem Boarding. Um 1 Uhr morgens gibt es kaltes Dinner, nach etwas abgedunkelter Ruhe ein warmes Frühstück. Um 5 Uhr Ortszeit landen wir nach neun Stunden Flug in Bonaire, einer Insel vor der Küste Venezuelas, politisch aber den Niederlanden zugerechnet. Stockfinster, sich heftig biegende Palmenvor dem einsamen kleinen Abfertigungsgebäude. Da wir ohnehin schon Verspätung haben, bleiben alle Passagiere während der Innenreinigung sitzen – aber es gesellen sich noch technische Probleme dazu. Sa., 9.1.2010 Zwangsaufenthalt in Bonaire Und damit fängt das Drama meines Geburtstages an. Schließlich gibt der Kapitän durch, dass alle den Flieger verlassen müssen. Diesmal stimmt irgendwas mit der Hydraulik nicht, und zu starten wäre absolut verantwortungslos. Ersatzteilbeschaffung aus der Nähe – ohne Hoffnung. Der nächste Flieger aus Amsterdam wird erst heute Nacht erwartet. Innerhalb der nächsten fünf Stunden bekommen wir die Wahrheiten hinter diversen Aufklärungen wohldosiert wie Morphium verabreicht. Das Gepäck würde auf Wunsch ausgeliefert und Busse würden die Menschen in diverse auf der Insel verteilte „Hotels“ fahren. Nach drei Stunden haben wir immer noch keinen Rucksack, weil das Personal an allen Ecken und Enden fehlt. Was es gestern zu kalt war, ist es heute zu heiß; um 8 Uhr morgens schon 28° C, wolkig und stürmisch. Da braut sich was zusammen … KLM wollte für jeden Passagier die Telefonate übernehmen, um Angehörige und Reiseagenturen zu benachrichtigen – an den Papierkram, der das ermöglichen soll, will ich gar nicht denken. In einem schrottreifen Taxi fahren wir zu sechst um die halbe Insel. Zuerst wurden Gruppen und Familien versorgt, Singles zuletzt. Im „Caribbean Club“, Südküste von Bonaire, ungefähr mittig der Insel, setzt man uns ab – auf unbestimmte Zeit und ohne Gepäck. Ja, ich würde sagen, wir sind komfortabel gestrandet. Mein blau gestrichenes Häuschen mit Veranda und Korbmöbeln ist staubig, Bad noch benutzt, dreckige Handtücher am Boden, keine Seife, ungemachte Betten. Welch stilvoller Empfang – und diese feuchte Hitze, ich trage Bergstiefel! Eine lang ersehnte Dusche muß verschoben werden, weil das Zimmermädchen anrückt. Derweil schaue ich mal, wie es mit dem angekündigten Lunch aussieht. Fliegen hüpfen auf den letzten Scheibchen Käse herum, ein Rest Rührei trocknet vor sich hin, lappiger Toast wartet auf Farbe, die Trauben sind braun. Ich nehme eine von vorher drei inspizierten Orangen, abgepackte Butter und Jelly. Nach Zucker zum Tee frag ich erst gar nicht, bekomme aber Cola light. Sambamusik beschallt mein Trommelfell, als ich mit diversen Utensilien am Pool Platz genommen habe, um mein „Buffet“ zu verschlingen. Ein sonnenblumengelber Wellensittich lässt sich direkt vor mir auf dem Holzgeländer nieder und stimmt mich tropisch. In Ermangelung leichter Kleidung gehe ich langärmelig ans Meer, dessen Ufer aus Limestone besteht, scharfkantig, unzählige Male durchlöchert und tief durchfurcht

vom Wasser. Hohe Kakteen wachsen hier und Dornengestrüpp. Die türkisblaue Strömung scheint mir zu gefährlich zum Schwimmen, aber ich steige die Sprossen einer Plattform hinunter, während Sogbrandung unterm Kliffvorsprung Salz in die Augen spritzt, um anschließend rosa und grünes Gestein mit ausgeprägtem Farnrelief freizulegen. Faszinierende Formen und Farben. Von den unzähligen Muschelfossilien nehme ich Frottagen in mein Tagebuch ab. Überall liegen ausgeblichene weiße „Finger“ in allen möglichen Längen und Stärken herum, gestanzt wie Seeigel. Und dann läuft mir noch ein 30 cm langer, graugrüner Salamander vor die Kamera. Die Polen aus unserem Flieger sind als Wandergruppe unterwegs, einer von ihnen macht tatsächlich einen Kopfsprung übers Riff - ohne zu wissen was drunter ist - und schafft es wieder an Land. Der Pelikan, der unbemerkt dazwischen fliegt, entgeht leider meiner Linse und denkt nicht mal daran, umzukehren. Arturo, halb Ecuadorianer, halb Kolumbianer, war grade vier Wochen in der

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Schweiz für seine NGO, einer non governmental organisation für Naturschutz. Er hat US$ 150 Aufschlag bezahlt, damit wir in Bonaire keinen Aufenthalt haben! Wo man überall Geld sparen kann … Ich genieße noch meine große Terrasse mit Papayapalmen im Wind und entferntem Blick aufs Wasser bis es um sechs Uhr Abendessen gibt. Das Buffet hat jetzt einen ganz authentisch karibischen Touch. Melonen, Gurken, Salat, Tomaten nur mit Mayo, das heimisch gewürzte Reisgericht ist sehr lecker und auch der Hähnchenschenkel mit Barbecuesoße. Tausche Bier in Ananassaft um und versuche, diskret die Eiswürfel loszuwerden. Später, am Kopfende meines Bettes im perfekten Winkel sitzend, falle ich in einen flammenden Sonnenuntergang „jenseits von Afrika“, orange, safrangelb, lila, mit davor geschobenen schwarzen Schattenrissen exotischer Pflanzen. So., 10.1.2010 Immer noch Bonaire 5 Uhr aufstehen, 5.30 Uhr soll Abfahrt zum Flughafen sein. Noch ist es stockdunkel, eine Kuppel voller Sterne über mir – dann heißt es, wir sollten wieder schlafen gehen, es gäbe erst in zwei Stunden neue Nachrichten. Ich mache Yoga. 7 Uhr Frühstück, gute Auswahl. Die Polen haben einen Guide bei sich und arbeiten noch mit Locals in Quito zusammen, wenn sie den Cotopaxi und Chimborazo in Angriff nehmen. Sie haben Erfahrung mit Bergen in Slovenien, den Alpen und dem Kilimandscharo. Dort hatte es damals -18° C, man geht in vier bis fünf Tagen rauf. Anna aus Mailand hat Landwirtschaft studiert und führt Entwicklungsprojekte in Ecuador und Brasilien für die italienische non profit organisation Cosv durch. Mit KLM will sie nicht mehr fliegen, zumal sie sich schon mal durch eine Mahlzeit an Bord eine Lebensmittelvergiftung zugezogen hatte, wie ich später am Pool erfahre. Wenigstens können wir hier ein paar Runden drehen und unter einem imposanten Palmenschirm von geschätzten zehn Meter Durchmesser Limonadendeckel wedeln. Flugmanager Robert taucht im Hotel auf, bekommt jedoch kaum Gehör durch die aufgebrachten spanischen Passagiere, die tränenreich um ein Familientreffen auf dem Friedhof kämpfen, zu dem sie unterwegs sind. Die englische Übersetzung seiner Rede kann er erst ansetzen, als die Betreffenden schon fast alle gegangen waren, weil sie der Emotionalität der Südländer und Roberts allzu geduldiger Beschwichtigungspolitik überdrüssig waren. Die Hydraulik ist inzwischen repariert, aber jetzt sind irgendwelche Batterien leer. American Airlines in Quito hätte Ersatz gehabt, liefert ihn aber nicht an KLM. So warten wir 24 weitere Stunden ohne Klamotten und Waschzeug bis der nächste Flieger aus Amsterdam die Rettung bringen soll. SMS mit Hans funktioniert, und im TV-channel 19 kommt „Kultur Berlin“, ansonsten viele Sportsender, Soaps, amerikanische Nachrichten und Spielfilme, eine Kochsendung auf Spanisch. Anna hat am Wochenende oft den Firmenwagen und angeboten, mir die Umgebung von Ibarra zu zeigen, einer Stadt drei Stunden nördlich von Quito. Dort arbeitet sie und legt mir besonders La Esperanza ans Herz, eine abwechslungsreiche Landschaft aus fruchtbaren Zuckerrohrplantagen, Nebelwald, Forellenlagunen und Hochweiden am schneebedeckten Cayambe Gletscher. Klingt zauberhaft! Witzigerweise hat sie 2007 in Quito Bernhard Zehetbauer kennengelernt, der eine Lodge im Rio Napo Regenwaldgebiet Misahualli/Tena führt und Öko-Ethno Tours anbietet. Ich hab noch nicht entschieden, mit wem und auf welche Weise ich den Oriente erkunden will und persönliche Infos sind immer hilfreich. Mittags gibt es zarte Geflügelspieße, Reistimbale, Pommes und Orangensaft. Ich bestelle uns beiden noch einen Espresso, worüber Anna fast ausflippt vor Begeisterung, obwohl sie mich in gleichem Atemzug über die Qualität der Crema im Verhältnis zur Kaffeemenge aufklärt. Ich entnehme dem, dass sie nicht vollkommen zufrieden gestellt ist. KLM hat sich durch unsere wiederholten Attacken insofern erweichen lassen, als dass es inzwischen Shampoo, Lotion, Zahnpasta, -bürste und sogar Deo für jeden abzuholen gibt. Na so was, heute Morgen hatte man mich noch auf meine Anfrage per Taxi ins nächste Dorf geschickt! Die Hitze legt sich trotz leichter Brise wie eine lähmende Halbkugel auf meine Terrasse und ich studiere Karten. Dann noch eine halbe Stunde schwimmen, duschen, Abendessen mit Thunfisch- und Nudelsalat, baked potatoes, Broccoli und Hähnchenschenkel - wenigstens statt werden wir hier. Viel Lachen mit Anna!

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Mo., 11.1.2010 Flug Bonaire - Quito

4 Uhr aufstehen. Taxi-pick up zum Airport. Unser Flug wird gesplittet, soll heißen, die Guayaquil-Passagiere müssen sich weitere vier Stunden gedulden und wir fliegen ohne Zwischenstopp direkt nach Quito. Unser Start verzögert sich dann aber ebenso, weil die erwartete Crew eine bestimmte Spanne Freizeit haben muß, um wieder einsatzfähig zu sein. Das Boarding zieht sich insofern hin, als dass wir Transfer-people auf einer gesonderten Liste stehen, die mittels Passport abgeglichen werden muß. Diese Prozedur zieht sich ins schier Unendliche - bin ich nach Ecuador gefahren, um Geduld zu buchstabieren? Die Tür des Fliegers ist bereits geraume Zeit geschlossen, da öffnet Sesam sich ein

weiteres Mal, um zwei Männer mit Handkoffern von weiß Gott woher einzuschleusen. Wir sitzen erneut zehn Minuten bis unsere Kapitänin - jawohl - sich zum x-ten Mal mit merklich schlechtem Gewissen meldet, weil ihre cargo-papers aus Amsterdam nicht vollständig sind. Zwanzig Minuten vergehen. Was klappt eigentlich bei diesem Flug? Alle fassen sich nur noch an den Kopf als wir mit einer älteren Stewardess ins Gespräch kommen und ich ihr ein paar Einzelheiten über die Vorkommnisse erzähle. Auf den Galgenhumor eingehend scherzt sie zurück: „… and I thought, I’d like you!“ Die zweieinhalb Stunden Flugzeit vergehen jetzt aber überraschend schnell bei einem warmen Sandwich, Kaffee,

Tomatensaft und angeregtem Gespräch mit Frau Bienert, die die Reise als 75jährige im Rollstuhl zu ihrer Tochter unternimmt, die seit 1997 als Rheumaspezialistin in einer Gemeinschaftspraxis mit einem Bekannten zusammenarbeitet. Ich soll unbedingt das Café Cito besuchen, dort hätte Karin damals gejobbt, man könne übernachten und überhaupt hätte sich das Etablissement künstlerisch gut entwickelt. Ob sie damit die Einrichtung meint oder Treffen der Kreativen selbst, bleibt mir verborgen. Mein Gepäck liegt tatsächlich auf dem Band und die Einwanderungsformalitäten laufen zügig ab. Küsschen hier und da - man hat sich die letzten zwei Tage doch teilweise ganz gut kennengelernt

– und tatsächlich steht Xavier von Simon Bolivar School mit einem Pappschild und drei Namen am Exit, um mich abzuholen. Welche Freude zwischen all dem unsicheren Ungewohnten! Draußen, vor wolkenverhangenem Pichincha, warte ich noch, bis er zwei Norwegerinnen aufgegabelt hat und lasse das bunte Treiben von Familienzusammenkünften auf mich wirken. Peruaner, Bolivianer, ein hochgewachsener weißhaariger „Kolonialherr“ fällt mir auf. Puppengleiche

bunte Kinder, mollige Mamas in zu engen Hosen, ein „Model“ stakst vorbei, ein behindertes Mädchen mit fast geschlossenen, schräg stehenden Augenlidern wird von einer unsichtbaren Hand davongezogen. Fröhliche Autofahrt ins Hostal del Maple. Norwegerin Britta ist vielseitig ausgerichtet und wird in Cuenca vier Wochen für 13 bis 15jährige Nachmittagsbetreuung machen, nachdem sie drei Wochen Spanisch gelernt hat. Helen aus Stavangar ist Erzieherin für 1 bis 5jährige und schließt hier mit einem Praktikum ihren Bachelor ab. Vor ihrem Studium hat sie sich eine zeitlang in Australien umgesehen und einen Abstecher auf die Fidschi Inseln gewagt. Abends bei einem Drink gesellt

sich eine dritte Norwegerin zu uns. Sie steckt mitten in einer Ausbildung zur Physiotherapeutin, lernt nachmittags auch in Simon Bolivar Spanish School und hat den Rest ihrer Zeit in Ecuador noch nicht so verplant wie wir. Man hört bei den Gesprächen aber schon heraus, dass Galapagos für viele ein zu teures Ziel ist, wenn auch sehnsüchtig beäugt. Wie erzählte mir Frau Bienert - ihr 13jähriger Enkel war seinerzeit so begeistert von einem Urlaub auf den Inseln, dass er aus den annähernd 4000 geschossenen Bildern ein Buch gemacht hat. Mein Zimmer ist bereits weitervermietet worden, obwohl ich telefonisch unseren Delay durchgegeben hatte, aber Josés Schwester hat das Hostal „Posada del Jazmines“ gleich gegenüber und in einer Woche kann ich dann umziehen. Immer locker bleiben! Mercedes zeigt mir die Räumlichkeiten, ein Pekinese schnuppert um meine Beine und ein paar Minuten später rückt auch schon ein Mann mit Bettzeug, Handtüchern und Staubsauger an. Alles ist recht eng und primitiv, kann mich kaum um die eigene Achse drehen oder meine Sachen aus dem Rucksack unterbringen. Ab in die Schule jetzt - mein Lehrer hatte heute Vormittag unfreiwillig Ferien dank KLM. Sofia, im Büro, ist genauso nett wie ich sie mir nach unseren vorangegangenen mail-Kontakten vorgestellt habe, präsentiert schon den Plan für die Nachmittagsveranstaltungen und Wochenendexkursionen. Das wird spannend. Auf Nachfrage,

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