PATAGONIEN 2009 - TRAVELDIARY

Posted in Reiseberichte

Montag, 12.1.09         Vulkan Villarica

Mein Frühstück steht wie Tischlein-deck-dich im Gang und ich schmiere mir Vesper für die Vulkanbesteigung des 2 840 m hohen Villarica. Noch ist es dunkel draußen, bellende Hunde sausen allem hinterher was vier Räder hat. Nach eingehender Besprechung der Ausrüstung beim tour-guide fahren wir gegen 8 h mit dem Minibus auf Schotterwegen bis zur Talstation auf ca. 1.400 m. Dort brechen bereits andere Gruppen auf und der Respekt vor dem Berg wächst angesichts des Kolosses vor uns einschließlich der sportgestählten, gletscherbebrillten Gestalten um mich rum. Es gibt hier die Möglichkeit, einen Lift bis ca. 1 800 m zu nehmen, aber ich schließe mich der Schlange derDirektbesteigung an, was ich schon bereue bis ich diese erste Etappe geschafft habe. Ohne einmal kurz zu verschnaufen oder sich umzusehen – wir stapfen hintereinander - hat mich dieses Stück schon etwas kurzatmig werden lassen. Gut, dass ich noch nicht weiß, was kommt. Erst später wird mir richtig bewusst, daß 1 400 Höhenmeter zu überwinden sind, durch schwarze Lavabrocken und serpentinenartig ansteigende Fußtritte geht es  die Gletscherfelder hoch, den Eispickel immer schön zum Berg.

Sollte man ausrutschen, wird die Sichel in den Hang gekrallt. Hinter mir läuft eine Frau aus Kent, die 11 Monate in Südamerika verbringt und wie ich kein spanisch kann. Vor Ort klappt eine Verständigung wohl doch besser als über’s Internet, wo ich meine Reise eigentlich selbständig  organisieren wollte. Unsere peruanischen und bolivianisch aussehenden guides sind sehr freundlich, sprechen z. T. auch gut englisch und laufen verschiedene Tempi. Zwei 15 Min. Trinkpausen und um 12.30 h stehe ich am riesigen Krater in grau/rot/grün-Tönen mit dicken Eisfeldern umrandet. Entweichende Schwefelschwaden lassen uns vorsichtiger atmen und die Brillen anbehalten; die Augen brennen trotzdem… die Sonneneinstrahlung über die Eisfelder ist doch extremer als ich dachte. Als wäre die Aussicht vorher noch nicht gigantisch genug gewesen, so erschließen sich bei der Erkundung  um den Krater noch ganz neue Blicke auf die Anden und rüber nach Argentinien. An der gegenüberliegenden Seite zeigen sich steil abfallend blaugraue ins Schneefeld gefräste Gletscherspalten und zwei weitere beeindruckende Kegel wie der 2 415 m hohe Chashuenca. Für mich der erste wirkliche Höhepunkt der Reise hier oben - ein  Gefühl wie fliegen….es zieht auch wie Hechtsuppe; bin so stolz, es geschafft zu haben - die Steigeisen brauchten wir ja nicht -, aber gleichzeitig wird mir etwas flau, wenn ich an den Abstieg denke. Der besteht nämlich aus Platikrutschen für den Hintern, auf denen wir in Spurrillen die Schneeflächen runtersausen sollen. Nach 3 Fahrten sind meine Spezialhosen trotzdem klatschnaß, das Steuer namens Eispickel entpuppt sich als windiges Etwas, das man nur konzentriert bändigen kann. Zum Glück ist der Schnee weich und meine Fersen nutze ich als Bremsklötze, obwohl ich mich dann auch wieder in der Senke einer Bodenwelle anschubsen muß; na ja, besser als aus der Spur zu geraten, den Pickel an den Kopf oder in Tränen auszubrechen wie eine Frau, die weiter hinten den Anforderungen nicht gewachsen scheint. Irgendwann macht das Ganze auch noch Spaß und dann sind wir schon beim Lavageröllfeld angelangt. Hier unten ist es bereits wieder merklich milder, also nasse Klamotten weg und weiter, um nicht kalt zu werden (der Wind pfeift) durch knöcheltiefen Sand, der sich aber als sehr knieschonend erweist. Ich nehme ein paar Glimmersteine mit. Es geht mir gut und locker lasse ich jeden Schritt in die Erde plumpsen auf dem Weg runter zum Minibus, wo man sommerliche Gefühle bekommen könnte. Albert aus München – ich schätze ihn auf Mitte sechzig – hat sich super gehalten, eine bewundernswerte Kondition und auf der Rückfahrt erfahre ich, dass er zu Hause täglich über 2 Std. draußen unterwegs ist. So fit möchte ich auch noch sein, wenn ich mal so alt bin. 2 Monate später erzählt mir meine Tochter Annette von einer 70jährigen Bekannten, die gerade mit dem Rücksack durch Neuseeland reist… wenn das keine guten Aussichten sind!

Mein Rücksack ist dank Corinna und Pato schon im Gironymo-Hostel angekommen und gerade als ich meinen wüstenstaub verklebten Kopf unter den Wasserhahn halte, klingelt es an der Tür – ich soll das Zimmer wechseln – eine Überschneidung mit  Andrea, einer von uns drei „Single-Frauen“, meint die junge Dame; hab mich schon gewundert, wie schön das Bad ist und ich kann von hier den Villarica sehen! Tausend Sachen unterm Arm und in Unterhosen (ist mir grad völlig egal) wandere ich über Treppen und Flure dem Zimmermädchen hinterher in unser 2-Bett-Domizil, über das Corinna und ich noch Wochen später  scherzen, wie wir durch die Duschwanne steigend, die Türe schließend, am Waschbecken vorbeigequetscht das Klo erreichten.

Jedenfalls habe ich ein bisschen Zeit für mich. Selten genug auf dieser Reise, da wir abends immer essen gehen; Bestellung und Bezahlung ziehen sich oft gewaltig, ab und zu täte es wirklich ein Vesper aus dem Supermarkt - mir fehlt einfach Schlaf. Die restliche Gruppe hat heute einen Ausflug in den P.N. Hueqchehue unternommen, von dem sie schwärmend berichten.

½ Std. östlich von Pucon sind wir heute beim jungen Österreicher Peter eingeladen, der mit einer Mapuche verheiratet ist. Er hat sich kunstvoll 3 Holzhäuser aus Coihue gebaut, dem gegen Fäule resistenten Holz der immergrünen bis 50 m erreichenden Scheinbuche, und mit Gras abgedeckt, was wunderbar natürlich aussieht. Peter ist mit Franz von der Casa Chueca in Talca befreundet. Wenn er nicht Reitkurse gibt, führt er auch Reisegruppen durch das Land wie unser Helmut Schäfer. Deutsche Community hält zusammen. Gekocht wird am offenen Feuer im Boden auf einem Grillgitter. Etwas Ähnliches werden wir noch auf der Insel Chiloé kennenlernen. Die Tische biegen sich mit Platten von Rindersteaks, einheimischen Kartoffeln aus dem Blechtopf, superfrischem Hefegebäck, Salaten, Wein, Kaffee und Aprikosenkuchen zum Nachtisch! Die Gastfreundschaft ist ein Ereignis! Mit seiner kleinen Tochter Rayenne (heißt Blume auf Mapuche), die wie ein Klammeräffchen an seinem Hals hängt, erzählt Peter die Geschichte und Wanderung der Mapuche-Indianer von der Beringstraße bis Chile. Südlich des Bio Bio wurden sie nie besiegt und fühlten sich folglich in dieser IX. Region besonders heimisch. 

Mittwoch, 14.1.09        Vulkan Osorno

Nach liebevoll angemachtem Müsli und reichhaltigem Frühstück machen wir uns via Schotterpiste mit dem Truck auf zum Ausgangspunkt unserer  Wanderung um den völlig schneebedeckten 2 640 m hohen Vn. Osorno, damit wir nachmittags von Pato an den Fällen Petrohue am Lago Todas abgeholt würden. Wetter wolkig, Vulkan unsichtbar. Schon während wir auf 800 m zuckeln wird es merklich grauer. Oben Regenjacken drüber, Picknick auf alle Rucksäcke verteilt und los geht’s über schwarze Lavaasche, aus der sich immer wieder hellgrüne Grasbüschel hocharbeiten und dahingeweht einen Flickenteppich bilden. Vegetation und Wetterstimmung erinnern verdächtig an den Tongariro-crossing auf der  neuseeländischen Nordinsel. Es wird immer nebliger, die Sicht ringsrum durch die nassen durchziehenden Wolken schlecht. Inzwischen geht es wesentlich steiler durch tiefen dunklen Sand und Geröll des Osorno. Der Wind weitet sich zum Sturm, Eiskörner peitschen mir von rechts ins Gesicht,  aber ich fühle mich gut eingepackt und meine Stöcke sind gold wert. Durch die gleichmäßige Bewegung bleibe ich warm. Helmut scheint die Orientierung verloren zu haben, gibt es aber nicht zu. Als wir auf ca. 1 400 m die Baumgrenze erreichen, einige unserer Gruppe bereits zurückgeblieben sind und Schneefelder sichtbar werden, beschließen wir leider umzukehren, weil die Situation für den Rest zu gefährlich wird. Später stellt sich heraus, dass einer Medikamente gegen Epilepsie nimmt und Isabel einen juckenden Ausschlag an den Füßen durch das Imprägniermittel der Wanderschuhe bekommen hat. Also durch die Sandmassen zurück zum Unterstand auf ½ Höhe, wo Klamotten gewechselt werden. Mir wird kalt vom Rumstehen und ich renne mit Helmut schon mal vor zum Ausgangspunkt. Handy zeigt keinen Empfang, sodaß wir Pato benachrichtigen könnten. Der kleine Eisenofen lässt sich mit dem klitschnassen Holz auch nicht entzünden. Alle inzwischen Nachgekommenen vespern, bibbern und mir ist vom Stillstehen so kalt, dass ich mich erst recht nicht bewegen mag. Immer noch kein Netz. Ich renne wieder als erste los Richtung Tal, wir suchen die nächste Antenne. 8 km weiter kommt allmählich die Sonne durch, vom Laufen ist mir schon wieder angenehm warm geworden und der Trocknungsprozeß zeichnet sich zentimeterweise an Hose, Hut und Kapuze ab. Nach ½ hr Dehnübungen an der Puento Blanco trifft die restliche Gruppe ein und wir versuchen erneut zu telefonieren. Helmut klettert dazu auf einen Hügel und erreicht jetzt händeringend Pato. Wir werden jedoch schneller von einem anhaltenden pick-up aufgelesen, der uns 15 weitere Kilometer auf der Schotterstraße abnimmt. Eingepfercht wie Massenvieh quetschen wir uns auf der offenen Ladefläche zusammen. Auch wenn hie und da jemand die Zähne zusammen beißt – lustig ist das Ganze allemal! Dann heißt es, auf einen Linienbus warten, der irgendwann auch kommt und wie eine ausgestorbene Spezies auf uns wirkt. Hat was von einem Zirkuswagen – auf den zerschlissenen roten Ledersitzen nehme ich neben einem jungen Chilenen Platz  und genieße freie Sicht auf  die tausend kleinen Plüschtiere, Anhänger und Glücksbringer, die von der Fahrerfront baumeln. Wieder 25 km weiter aussteigen, warten; der letzte Bus für die heutige Etappe nimmt uns 5 km mit in unser gemütliches Hostel Amarillo  von Puerto Octay. Jetzt beginnt der Kampf um die wenigen heißen Duschen; ich wasch mir die Haare also erstmal am Küchenwaschbecken, stell die Schuhe in die Sonne, nehme meine Wäsche von der Leine, damit der nächste Schwung Platz findet. Es ist jetzt 19 h, warm & sonnig! Helmut ist heilfroh, uns alle halbwegs gesund und mehr oder weniger heiter heimgebracht zu haben. War schon etwas abenteuerlich die tour…hätte auch ´ne Menge schief gehen können. Aber wenn Engel reisen….Gulasch gibt’s, Kartoffeln und Zucchinisouflé. Vorher noch gefüllte Avocado und zum Nachtisch Mousse. Irgend jemand gibt noch einen Grappa aus….und ich notiere mir derweil einige webweiten von  „travel in chile“  aus der  Hostelbücherei.

Freitag, 16.1.09         Insel Chiloé

Es hat die ganze Nacht geschüttet, Chilenos feiern irgendwo bis morgen 5 h. Nach dem Frühstück schließe ich mich Elke & Klaus ins Fitneßstudio am Hafen an und erfahre nach 45 Min. Training, dass das ein privates Engagement der beiden war. Elke rastet leicht aus und hätte erwartet, dass man so was weiß und vorher genauer fragt. Der Chef hätte  nur aus Höflichkeit meiner Anfrage entsprochen und für die beiden wäre die Situation peinlich. Aus ihrem Tonfall schließe ich, dass Elke mit ihren 32 Jahren, kinderlose Ärztin aus Jena,  wohl mit aller Weisheit schon geboren wurde. Ich bezahle CLP 10.000, entschuldige mich in aller Höflichkeit für die Umstände und wandere den Berg rauf zur Kathedrale, deren verwunschenes Eisenschloß sich leider nicht öffnen lässt. Ich schlendere bei inzwischen aufgeheitertem Himmel am Dentistgebäude vorbei, beim Veterinär und lande schließlich am Busbahnhof, wo ich im Touristoffice mangels NP-Infos ein gelb lackiertes Plakat geschenkt bekomme mit den 16 berühmten Kirchen! Welche Freundlichkeit nach dem Eklat heute morgen. Es gibt Pharmacies mit Elektrogeräten, Spielzeug und Haushaltswaren, 2 Apotheken und noch eine Drogerie.

Wir fahren westlich von Ancud die Landzunge 25 Min. raus in die Bucht zum „Restaurant Quetalmahue“ nahe Gaubún. Wir verfolgen alle Schritte der Zubereitungsart eines „Curanto“. Über einem im Boden eingelassenen Holzfeuer werden Steine erhitzt, während das Holz darunter verbrennt, sacken diese nach und nach ins Erdloch, dann wird die Asche rausgeschaufelt, Erde und Steine sind heiß. Übereinander werden abwechselnd Muscheln, Gemüse, Rind, Huhn, rote dicke Chorizowürste und Kartoffeln aufgeschichtet – wobei das Gericht auch mit sehr viel weniger Zutaten funktioniert -  mit den hier überall wachsenden wilden Rhabarberblättern abgedeckt; dann folgen noch in Folie eingewickelte flache Kartoffelknödel und schließlich wird das Ganze mit einigen Plastikbahnen abgedichtet. Lehmgebundene Grasmatten wärmen und beschweren den Erdhaufen zusätzlich, sodaß nur noch einzelne Rauchschwaden wie aus einem kleinen Vulkan entweichen. Der Garprozeß dauert jetzt ca. 1,5 Std. 

Der Chef hatte heute morgen bereits frische Austern „gefischt“ und einen Tisch vorbereitet mit geviertelten Zitronen. Wieselflink schneidet er die harten Muschelschalen auf, Franz drückt eine Zitrone darüber aus und voilà - fertig ist die erste geschlürfte Auster meines Lebens. Salzig, schmeckt unbedingt nach Me(h)er! Am Strand treffe ich auf einen toten, aber völlig lebensecht daliegenden Krebspanzer, lila Muscheln und ein winziges „Füllhorn“, was mir leider im Rucksack auf dem Heimflug zerbrechen wird. 

Wir steigen in den Truck und fahren zum nordöstlichsten Punkt der Halbinsel bis die Wellen des Pazifiks in ihrer vollen Breite auf uns zurollen. Diese Weite, der Sturm, das Licht – und schon sind wir alle nur noch Streichholzmännchen am Horizont aufgelöst im Äther, hören tut man sowieso nichts mehr außer den Elementen und so fühle mich mit mir und meiner Kamera - völlig abgetrennt von allen irdischen Beschwernissen - allein auf der Welt.

Das Curanto wird abgedeckt und die verschiedenen Lebensmittel gleichmäßig auf Gästeteller verteilt. Es ist eine Riesenportion, in der ich da schwelge, gelb-weißes Muskelfleisch riesiger schwarzer Muscheln,  unbeschreiblich zartes Rind, die Knödel schmecken nach Holzkohle und Erde, die Chorizo butterweich-würzig. Auch das Huhn fällt vom Knochen und die Erbsen lassen sich aus den Schoten zuzeln. Ich genieße mehr mit den Händen als Besteck, spritze frischen Zitronensaft dazu, ein älterer Chilene singt einheimische Volkslieder live auf seiner Gitarre. Die Stimmung ist zum Weinen, so gut geht’s mir. Unglaublich sinnlich dieses Gericht – oder habe ich solchen Hunger? Chile hat wirklich Charme und große Gastfreundschaft – wo wir doch nur Touristen sind. Das dicke Rippenstück lasse ich weg, dafür schiebt mir Isabel ihre Wurst rüber, die ich so gern mag.

Zurück im Hotel gehe ich erstmal in ein engl./dt. sprechendes Café und hole mir in meinem uralten Marriot-Thermobecher einen wunderbaren Cortado. Das Personal ist sehr freundlich und ich fühle mich auf englisch verstanden. Wird Zeit, dass ich spanisch lerne……Ich setze mich auf die Stufen einer anderen Kathedrale, ziemlich weit oberhalb des Zentrums und freue mich über die herrliche Aussicht. Der Wind weht meinen Kaffe fast um, aber in der wärmenden Sonne schreibe ich weiter Tagebuch und studiere die diversen ergatterten Prospekte über Chiloés Ausflugsmöglichkeiten, Pinguine, Trekking im NP und den Kirchen des Weltkulturerbes, die z. T. noch aus dem 18. Jht. stammen.  Dann suche ich eine Bank, die nicht wie ein Ticketoffice aussieht, finde sie auch auf Nachfrage und beim zweiten Anlauf erreiche ich schließlich eine englische Kontoabfrage. Pro Tag soll ich 20.000 CLP rechnen, meinte Helmut, bis wir nach Argentinien kommen. 2 große Scheine lasse ich noch wechseln und dann ab in einen Supermarkt, Wasser kaufen und ausgiebige Sonnenbrandhygiene auf dem Zimmer. Das Abendessen mit der Gruppe schwänze ich heute, trinke Fencheltee, schreibe sms. Morgen ist schon um 5.45 h Frühstück, 6.30 h Abfahrt über Castro zur südlichen Stadt Quellion, damit wir die verschobene Fähre nach Chaiten zurück auf’s Festland bekommen. Die dauert 6 Std., und danach müssen wir noch weiter mit dem Truck bis Puyuhuapi.

Samstag, 17.1.09     Achsenbruch Carretera Austral

6 h Frühstück. Halt in Castro, der dritt-ältesten Stadt Chiles nach Santiago und La Serena. Um 9 h stehen wir also vor der Kathedrale San Francisco, nach Plänen des Italieners Eduardo Provasoli erbaut und eigentlich in Zement anstatt Holz geplant. Die Gegend hier ist bekannt für ihre bunten Stelzenhäuser, die Boote der Anwohner parken unter Deck. In Quellion stellt sich raus, dass die für 10 h geplante Fähre erst um 15 h auslaufen soll; solche Verschiebungen scheinen normal.

Wir schlendern den Hafen entlang, wo es später auch Mittagessen gibt, einfache Muschel/Gemüsesuppe, Reis und Hühnchen mit Escudo-Bier. Die Aussicht über die vielen Fischerboote in der Sonne stimmt heiter. Jochen arbeitet für eine spezielle Papierfabrik, die eigene Plantagen in Indonesien unterhält und von dort ihren 30%igen Rohstoffbedarf gedeckt bekommt, den Rest kaufen sie dazu. Andrea ist für eine Druckerei in Bamberg und Stuttgart tätig, die Drucksachen wie Scheckkarten, ADAC-Briefe, Fluglinien-Serienpost etc. vertreibt. Dabei ist sie oft zu Kunden unterwegs, auch öfters nach London.  Weiter geht’s zum Handwerksmarkt, wo ich ein ärmelloses beige-braunes Strickkleid im typischen Inka-Muster und eine grün-weiße Jacke aus Ochna-Schaf  anprobiere, ziemlich preiswert, aber die Verarbeitung und Paßform leider nicht ganz optimal. Franz ist wegen seiner Bronchien und einem angeschwollenen Bein von Pato nach Puerto Montt in eine Privatklinik zurück transportiert worden. Er hat Wasser in der Lunge wie wir später erfahren. Edith & Albert Braun arbeiteten als geschäftsführende Optiker in München und Monika ist nicht nur halbtags beschäftigt, sondern kümmert sich noch in der Seniorenbetreuung. Hans hat den Christbaum abgebaut, schreibt er.

Die Fähre braucht geschlagene 3 h bis alle Lastwagen, Anhänger, PKW, Camper, Trucks etc. rückwärts in ihre Plätze rangiert haben. Manche Fahrzeuge bekommen Holzbretter vor die eiserne als Brücke fungierende Klappe der Fähre gelegt, um weniger Gas geben zu müssen und die vergeblichen Anläufe zu minimieren. Pato schafft es mit links! Von der Brücke aus beobachten wir das Schauspiel, essen Kekse und lassen uns den Wind um die Nase wehen. Ich fotografiere im Golf von Corcovado. Nach 1 ½ h wird es mir trotz Arktis-Montur zu garstig an Deck. Ich besorge mir eine hot chocolate und ziehe mich auf meinen zugewiesenen Platz 31 zurück. Während ich eine junge Frau karikiere, schielt ein Junge zu mir rüber und bietet ein Eisbonbon an. Herzig! Wir legen bereits um 22 h in Chaiten an, hatten keinen Seegang - trotzdem dauert es 1 ½ h bis Pato vorwärts ausfahren kann, obwohl der doch das dritt- oder viert-letzte Vehicle beim Einparken war. Passagiere müssen alle vorher aussteigen und so suche ich mir zwischen all den Menschen, die zurück nach Quellion wollen, einen Platz am Ufer, um Nachtaufnehmen dieses mit weit aufgerissenem „Maul“ daliegenden Schlachtschiffes zu ergattern. 

Um 23.38 h starten wir also endlich im kürzlich durch Vulkanasche verwüsteten Chaiten. In stockdunkler Nacht, im Scheinwerferlicht muten die seitlichen Sandhaufen, breiten Raupenspuren von Kettenfahrzeugen und Baggern gespenstisch an. Die schmale Straße führt schluchtartig zwischen hoch aufragenden Felsen entlang; alles ist viel zu fremdartig und abenteuerlich, um zu schlafen. 150 km später bei La Junta bricht die Achse unseres Fahrradanhängers - trotz Verstärkung durch einen  Schweißer in Quillon – ein Rad haben wir auch verloren! Diese Schotterpisten sind eine Herausforderung für jedwede Reifen und Federungen. Einige von uns machen sich mit Stirnlampen 1,5 km zurück auf die Suche, kehren aber erfolglos zurück. Pato holt Hydraulikpumpe, eine Stahlkette und versucht liegend auf seiner Isomatte das Gleichgewicht abzustützen. Dann rollt der erste LKW hinter uns ran, kann uns hier aber nicht überholen; dahinter ein weißer schweizer Jeep. Das Rangieren geht los, die chilenischen Kraftfahrer steigen aus, wollen helfen. Unsere Startbatterie ist komischerweise leer, aber der Jeep dockt an und hat zur großen Überraschung und Freude auch noch unser Rad an Bord! Ohne die Fährverbindung und ihre Mitreisenden stünden wir hier einsam da! Um 5.30 h fahren wir weiter bis Puyuhuapi in die gemütliche, wenn auch erstmal kalte Casa Ludwig. Aber das liegt wahrscheinlich eher an unserer Übernächtigung. Corinna & ich haben ein großzügiges helles 5-Bett-Zimmer mit vielen Decken für uns allein und wir duschen erstmal heiß.

Montag, 19.1.09     Bike-tour Carretera Austral

Carretera Austral Richtung Süden, Cohaique im Visier. Nach 30 Min. bricht die andere Anhängerachse, obwohl auch die gestern abend noch überschweißt wurde. Pato hat inzwischen Routine – diesmal nutzt er den kleinen Wagenheber direkt, um mittels Seil die Konstruktion abzustützen. Gestern hab ich ihn schon mal mit einem Riegel Zotter-Schokolade entschädigt. An der ständig bergauf führenden Strecke halten wir beim „Zauberwald“ und können leider nur 15 Min. tief hineinlaufen, dann machen die Ungetüme dicht. Es ist wirklich wie im Märchen -  Coihue und fuchsiafarbene Orchideen, die es sich auf ihrem „Wirt“, den Baumstämmen, gemütlich gemacht haben.

Die bikes werden verteilt und es geht 1 ½ h rauf und runter über die Schotterpiste durch die Prairie bis zu einem idyllischen See, von Riedgras verwunschen umgeben. Unterwegs den 2 960 m hohen Codaca, das chilenische Matterhorn, fotografiert.  Bis auf den Helm schäle ich mich unterwegs ständig weiter aus den Klamotten; man kommt unglaublich ins Schwitzen! Runterwärts sind die lockeren Steine gefährlich und du musst sowohl die Lenkstange als auch die Handbremsen im Griff haben; rauf sind nur noch Knie, Oberschenkel und „Pumpe“ gefragt. Trotzdem fühle ich mich eigentlich erst jetzt so richtig eingefahren, als Einzige mag ich aber auch nicht weiterziehen und brate lieber keine Extrawurst.

Über den Rio Cisnes nach Villa Amengual Richtung PN Lago Las Torres. Die Bergkulisse wird beeindruckender, Kondore kreisen über steilen Felsen. Auf der Brücke über den Maniguales schneebedeckte Berge geknipst, rechter Hand der Rte. 7 liegend. Als Windschutz wurden hier reihenweise Alamo-Bäume aus Europa und Asien eingeführt, zusammengefasst unter dem Namen „schwarze Pappeln“. Auch den unvermeidlichen wilden Rhabarber, Pangue, treffe ich wieder. Gegen 19.30 h fahren wir noch etwa 50 km durch den RN Cohaique. Von einer Anhöhe aus haben wir den perfekten Panoramablick auf die Stadt in der Dämmerung.

Die Zimmer sind supereng, kein Platz für Gepäck, Dusche kalt, beim Lüften falle ich beinahe runter auf die Straße, Schönheitspflege unter diesen Umständen nur 12 Min., Essen um 21 h. Meine Bestellung eines Rote Bete Salats und frischem fruit smoothie von der Karte bereitet immense Schwierigkeiten und macht mehrere Verhandlungen nötig. Helmut erklärt später, dass die reichhaltigsten Karten nichts darüber aussagen, ob du auch tatsächlich was zu essen kriegst, sprich: das meiste wird gar nicht serviert. Die ersehnte heiße Hühnerbrühe schmeckt lecker – aber die erneute Reparatur unseres Anhängers bereitet allen Kopfzerbrechen für unsere Reiseplanung.

Mittwoch, 21.1.09     Marble caves und Pampa

Damit wir nicht tatenlos auf unseren truck warten müssen, hat Helmut für 9.30 h eine sonst nicht vorgesehene Bootsfahrt zu den marble caves angesetzt. Wir sind happy, mummeln uns in wasserfestes Zeug und besteigen 2 kleine Motorboote, die weiter draußen auf dem See in höhere Wellen geraten als der Bug reicht. Ich sitze ganz vorn und habe eine perfekte Fotoposition als wir die Höhlenformationen im Schneckentempo besichtigen. Die farblichen Zeichnungen des Gesteins übersteigen jede Phantasie in grau, blau, braun, schwefelgelb. Das Wasser türkis wie die Südsee, lässt tief unter die Oberfläche blicken und weitere unterirdische Riffe entdecken, die Sonne glitzert, bringt all die Farbtöne erst zum Leuchten. Auf der Rückfahrt wird die See unruhiger, Schaumkronen tauchen auf, Wind peitscht von vorn und die Wellen schlagen jetzt doppelt so hoch wie vorher. Mit beiden Händen seitlich abgestützt, locker hockend auf der Holzpritsche genieße ich das Gefühl  eines „Springreiters“. Mit jeder Welle hebt sich das Boot geschätzte 1.20 m aus dem Wasser und knallt mit voller Wucht in die Vertiefung der nächsten. Die Salzwassergischt spritzt mir ins Gesicht und der lauwarme Wind zerrt ungestüm an meinem Hut mit Doppelsicherung. Hinter mir werden die anderen zunehmend von den seitlich abgleitenden Wassermassen eingeweicht. Nach insgesamt 2 Std. sind wir zurück, wo Pato uns bereits erwartet. Umziehen wer muß, Gepäck einladen.

Reise know how „Spanisch Kauderwelsch für Chile“ Bd. 101 erklärt „castellano“ als spanisch für Lateinamerika, die Nachsilbe –hue als Bezeichnung für „Ort“ und „papa“ bedeutet Kartoffel.

13.30 h Picknick an der Südseite des Lago Carrera, dabei nach der „Golden Gate Bridge“ Fotos von Campern und Wüstenblumen gemacht. Später bereits Blicke auf den Gletscher San Valentin und den südlich davon liegenden Campo del Hielo Norte, der mit dem dreimal so großen Hielo Sud zusammen das riesige sog. kontinentale patagonische Inlandeis ausmacht, das noch nie wirklich von einer Expedition ohne Rettungsmaßnahmen durchquert werden konnte.

Auf dieser berüchtigten Rte. 7 braucht ein Autofahrer mind. 2 Kanister Benzin extra im Wagen, ebenso viele Ersatzreifen und auf jeden Fall Montagekenntnisse. Da wir grade mal wieder keinen Handy-Empfang haben, wäre vielleicht auch ein Satellitentelefon nützlich….ich glaube, allein käme ich hier nicht zurecht…

Wir halten an der Teufelsbrücke, die über eine gefühlte 10m tiefe Schlucht führt. Pato packt mich von hinten und scherzt - ein Glück, dass ich die Kamera um’s Handgelenk gebunden hatte. Am Mirador Laguna Verde können wir den Abbau von Gold- und Silberminen beobachten. Von weitem sehen die Lachen aus wie Salzseen….ob da Quecksilber als Lösungsmittel eingesetzt wird….?

In Chile Chico haben wir um 19.30 h die argentinische Grenze des Lago Carrera erreicht, ½ h bevor der Schlagbaum schließt für heute. Die Formalitäten gehen entgegen Helmuts Warnungen problemlos vonstatten. Albert reicht geröstete chilenische Haselnüsse rum, die aussehen wie halbe bräunlich/gelbe Erbsen. 19.50 h, wir sitzen sein 12 h im Bus incl. Picknick und Fotopäuschen - 1 gute Std. sollen wir noch bis Perito Moreno Stadt fahren. 

Für Argentinien bräuchten wir ca. 200 ARP= 70 US$ bzw. ca. 50 €. Manche Kreditkarten gehen in der Bank nicht durch, also legen Pato & Corinna aus. Während    unserer  Restaurant-Sammelbestellung   extra    meine 

$-Scheine umzurechnen verkompliziert die Zahlungsweise zu sehr, also spendiere ich eine 1l Flasche Austral für Andrea, Corinna & mich. Wir sind alle ziemlich müde… das ursprünglich vorbestellte  Lokal war bereits voll – ja das passiert! - und das Personal in der Pizzeria zeigt sich nicht gerade von seiner freundlichsten Seite, aber wie immer kriegt Pato schnell den richtigen Draht. Er ist einfach ein Naturtalent in Sachen Kommunikation und wir unterstützen ihn nach Kräften. Meckerer gibt es immer! Es dauert… aber dann kommt die ofenfrische knusprige Sardellenpizza, von der ich 2 große Stücke verspeise, und noch eine Margarita bzw. Ananas/Schinken. Das Bezahlen zieht sich wie so oft in die Länge, es ist bereits Mitternacht und wir müssen noch mindestens 2 Std. bis Baja Caracoles in der Pampa fahren. 

Gegen 2.30 h morgens kommen wird also dort an, lebhafte Hunde begrüßen die Übernächtigten, ein warmer Sturm fegt uns den Wüstensand ins Gesicht. Sämtliches Gepäck ist bis in alle Falten mit einer dicken Staubschicht überzogen. Helmut muß den Eigentümer der Herberge erstmal aus dem Schlaf trommeln, wobei er anscheinend mit dem Gewehr begrüßt wurde! Bis wir endlich Schlüssel bekommen, gehen bestimmt noch mal 15 Min. dahin, Corinna & ich scherzen, machen Witze, irgendwie muß man immer das Beste draus machen und die Verdrießlichkeit der anderen Gesichter stört uns nicht im Geringsten. Eigentlich geht’s uns doch gut und wollten wir nicht Expeditionserfahrungen sammeln? Dann die Überraschung für Geburtstagskind Andrea - im Bus hatten wir schon mit Sekt in Campingtassen auf ihren 35. angestoßen - es gibt kein Einzelzimmer für sie, also mit zu uns, für mich kein Problem, aber ihr Gesicht spricht Bände. Es muß ihr ziemlich schlecht gehen mit dieser Aussicht. Trotzdem wird es mit Humor noch eine unterhaltsame heitere kalte Dusch/Wasch/Ausziehprozedur und wir arrangieren uns gut. Heute wird der Begriff „Hochzeitskleid“ für Corinnas exklusiven Spitzenschlafsack gefestigt,  ein Geschenk ihres Bruders! Aufgekratzt wie wir sind, versucht dieses „Mädchenpensionat“ ab 3.30 h zu schlafen; um 9 h soll schon wieder Abfahrt sein.

Donnerstag, 22.1.09    Ruta Nacional 40 Argentina    

Das Bett war gut, die Luft auch, der Wind heult durch die wehende Gardine, die schon seit geraumer Zeit kein Waschmittel gesehen hat. Heute Nacht hatten wir noch gewitzelt, wie wir mit Einbrechern durchs offene Fenster unseres ebenerdigen Zimmers fertig würden….wir haben den Kleiderständer direkt davor positioniert und gleich dahinter Gepäcktaschen platziert, so dass eine unsanfte holprige Landung hörbar gewesen wäre und unsere Elektronikgeräte so halbwegs in Sicherheit. An uns selbst hatten wir dabei gar nicht gedacht… Aus dem Beckenhahn fließt sogar warmes Wasser und mein Kopf passt auch drunter. Die mitgebrachten Adapter passen, schmale Stecker an deutschen Föns aber auch direkt in der Dose.

  Ein Rad unseres Anhängers ist platt, Pato muß wechseln, das Frühstück besteht nur aus getoastetem Stangenbrot, Marmelade, Minicroissants und Tee bzw. Kaffee, dafür wird er in  richtig schönen Sammeltassen serviert. Es gibt auch einen kleinen Laden für den wichtigsten Reiseproviant. 

Um 10 h geht’s weiter - nach 1 h entdecken wir 3 Guanakos und eine Herde Nandus aus der Senke flüchten. Weit und breit nur braungraue staubig-steinige argentinische Pampa wie man sie aus Bilderbüchern kennt. Die schneebedeckte Andenkette wird sichtbar und konfrontiert uns mal wieder mit dem Gefühl, fernab der Heimat zu wandeln. Pato hat doch tatsächlich ein farblich komplett mit dem Straßengraben verschmolzenes grau gepanzertes Gürteltier, ein Armadillo, entdeckt und hält mit quietschenden Reifen. Wir können es tatsächlich in Ruhe und ganz nah fotografieren. Pato hebt es an seinen querrillenartigen, durch 2 cm länger hinausragende Haare flexibel gehaltenen, Schuppen hoch und wir erkennen viel Verwandtschaft mit Maulwürfen. Ein Ereignis! Noch nie habe ich so ein Tierchen gesehen, nicht mal im Zoo!

Vor uns hat ein roter Chevrolet Pick-Up von Budget eine Panne. Die Benzinleitung scheint durchgerissen. Pato repariert - was kann er eigentlich nicht? Seine Eltern haben wohl eine Landwirtschaft in Los Angeles erzählt Frank, wo er viel Gelegenheit hatte, diese handwerklichen (Über)-lebensnotwendigkeiten zu lernen. Nach 30 Min. ist die Sache geritzt und die Schweizer können weiterfahren.

In dieser schnurgeraden kargen Ödnis ist mir der grüne Lago Cardiel dann irgenwann hoch willkommen. Hier auf der Estancia Siberia Mittagspause. Argentische Biker toben sich hier aus bzw. übernachten. Ihr Akzent klingt sehr italienisch. Heute werden hauchdünne panierte Rindersteaks mit gemischtem Salat serviert und Cola light. Die Senora deckt mit aller Zeit der Welt jedem von uns Serviette und Besteck, obwohl wir ihr diese Arbeit eigentlich abnehmen wollten. Zum Nachtisch teilen wir Andreas Geburtstagstorte auf, mit süßer Nougatcreme und kandierten Kirschen verziert.

Tankstop jwd; irgendwann liegt  diesmal ein weißer Toyota Campwagen mit dem Dach zuunterst im Graben, enthält aber keine Verletzten mehr. Am Lago Viedma, der in die Wandergegend El Chalten führt, halten wir nur und erkennen im Hintergrund das gesamte Fitz Roy Massiv. Ankunft um 21.30 h nach 540 km meist Schotterpiste auf der Rte. 40 in El Calafate. Junge ausgezeichnet englisch sprechende Studenten an der Rezeption des Hostel Glacier -  alles geht freundlich und flott zu. Nach einer wohltuenden heute mal heißen Dusche gibt es im eigens für uns reservierten Pub Vollkornspaghetti und Andrea spendiert noch mal Sekt zur Feier des Tages.

Freitag, 23.1.09    Perito Moreno Gletscher

Gut geschlafen, gut gefrühstückt am kleinen Buffet mit Kaffee, Milch, Cornflakes, Orangenscheiben und Toast. Seit vielen Wochen freuen wir uns auf den 258 km langen Perito Moreno Gletscher im PN Los Glaciares. Er liegt 200 m ü.M., die Südwand ragt 40 m über die Wasserfläche hinaus, der Nordgletscher, den wir per Boot fast hautnah erkunden 70 m; unter Wasser reicht das Eis aber nochmal 130 m tief. Auf dem Weg dorthin zeigen trockene Ebenen, wo zurückgebliebene graue kahle Baumstämme untergetaucht waren, wenn der Lago Argentino Süd-Arm durch Abschmelzen viel Wasser trug. Wir fahren mit deutsch sprechendem guide, der auch 10-Tage-Trekkingtouren durchs Inlandeis leitet, im Minibus zunächst einen Bootssteg an, wo das Spezialschiff für ARP 50 zur Besichtigung der Nordwand ablegt. In Zeitlupe bewegen wir uns vor den haushohen blauweißen Eisgebirgen, können jede Furche erkennen, in der sich das Licht bricht. Vor uns schwimmen Eisschollen auf dem glitzernden klaren Wasser, das gute Blicke in die Tiefe zulässt. Es fehlt wirklich nur der Bär….oder Pinguin…. Auf der Rückfahrt höre ich grade noch das allseits ersehnte, ankündigende Donnern, zeige instinktiv auf die Stelle und schon  springen alle mehr oder weniger rechtzeitig aus ihren Innensitzen, während ich draußen einfach auf den Knopf drücke in besagte Richtung, um auf die Linse zu bekommen was abgeht. Ich glaube, ich habe später versehentlich eins der Bilder gelöscht, meine aber trotzdem, zumindest eine „staubende“ Wand aufgenommen zu haben.

Zu Hause sehe ich ein noch viel besseres Bild von Franz. Trotzdem ist uns dank außergewöhnlichem Ostwind etwas geglückt, was vielen verwehrt ist und  Nebel hat uns auch keine Konkurrenz gemacht. Insgesamt ist uns das Wetter überhaupt hold. 

Kurzer Transfer zum Rundwanderweg, wir haben fast 3 Std. Zeit. Über die löchrigen Metalltreppen, die ständigen Blickkontakt mit den Eismassen gewähren, verschaffe ich mir ordentlich Bewegung. Trotz vieler Menschen um mich, bekomme ich dadurch mal wieder das Gefühl selbstbestimmten Daseins. Immer auf der Suche nach den interessantesten Blickwinkeln halte ich Zwiesprache mit den blau schimmernden Spalten, die heute nur für mich da zu sein scheinen. Überhaupt bin ich unendlich dankbar, hier sein zu dürfen. Später hocke ich mich auf ein wenig frequentiertes Geländer oberhalb der ganzen Anlage, beobachte Vögel in kleinen grünen Moorteichen, kurze sturmgepeitschte kahle Stämmchen und die erhaben in den eisig glitzernden See vorstoßenden weißen Massen. Die Oberflächen haben unglaublich tiefe Rillen, überzogen von grauen Staubschichten, die man auf einer Spezialtour erkunden kann. Alle Eindrücke werden eingesogen und im Innern so gut nur irgend möglich für die Ewigkeit verschweißt. Im Lunchpaket taucht ein Foliensnack in Form eines weiß überzogenen runden Kuchens mit Cremefüllung auf, den ich genüsslich vor superber Kulisse verspeise. Teile des Weges in den Wald etwas oberhalb sind noch nicht fertig ausgebaut, deshalb muß ich umdrehen, durch lichte niedere Südbuchen, die mich wie ein Dach behüten.

Im Restaurant am Perito Moreno gibt es guten Espresso für ARP 7 und dann nehme ich noch 2 topografische Karten des Nationalparks mit und ein Taschenbuch über die Umgebung des Lago Argentino, Geschichte, Flora u. Fauna. Das National Monument Ritz Roy 3 400 m ist im Gebiet El Chalten am Lago Viedma und gleichnamigem Gletscher  auch drin. Habe Lust wiederzukommen! Man kann mit allen möglichen Karten hier bezahlen einschließlich US$ und €. Meine Schätze bezahle ich z.B. in baren $ und bekomme Wechselgeld in ARP, die man wiederum durch 4 teilt, um Euro auszurechnen oder durch 3 für den Gegenwert in US$. Es herrscht lebhafte internationale Atmosphäre mit entsprechender „Pisten-musik“ bei strahlendem Sonnenschein; Kleinbusse aller erdenklichen Unternehmen fahren an und ab. Heute nervt mich das nicht. Ich hatte einen eindrücklichen, befriedigenden Tag und genieße die Leichtigkeit des Seins – oder der Latinos?

Nach der Dusche ist Bummel in El Calafate auf der Av. Libertador angesagt, dessen Äquivalent in Chile Av. O’Higgins genannt würde, nach dem Befreier. Hier ist was los; es gibt alles zwischen Outdoor-Ausrüstung, Halbedelstein-Erzeugnissen und Souvenirs wie Zubehör für Mateteezubereitung, Lederwaren und Gewebtes. Leider sind mir viele Ringe zu groß; die beige-rosa farbenen Varianten, einem Stein ausschließlich in einer Gegend nordwestlich von Buenos Aires vorzufinden, einfach zu schlecht verarbeitet oder man weiß nichts über die Art der Herstellung. Auf einem Mäuerchen vor der Sozialstation verspeise ich meine beiden Sandwiches in der windigen Sonne, bevor es gestärkt weiter geht. Steile Treppen führen zum Bahnhof hinauf. Unterhalb ein Handwerksmarkt, wo ich mir von einem jungen bolivianisch anmutenden Künstler seine farbigen Makramé-Ringe zeigen lasse. Seine Freunde verzaubern gerade musizierend die deutschen Innenstädte. 

Um 20 h sind wir alle in einem Grillhaus verabredet mit dunklen stilvollen Holzmöbeln und offener Küche, wo ganz in schwarz gekleidete Kräfte fachgerecht die verschiedenen Fleischsorten zerteilen und z. T. auch im Straßenfenster auf Holzkohlenstecken zur Schau stellen. Ich bekomme ein 15 cm Raclette-Pfännchen mit 3 Kadavern Lamm zum Abknabbern für ARP 58! Nicht billig. Pato hilft mir bei den Resten. Mit den gigantischen Fleischportionen, die auf allen Gästetellern um mich herum übrig bleiben, könnte man eigentlich sämtliche Straßenhunde der Stadt durchfüttern. Gutes gegrilltes Gemüse - Kürbis, ½ Zwiebel mit Schale, Zucchini, Tomate -  1 Dose Quilmes  für ARP 12, illy Espresso ARP 8; kann mit MC bezahlen. 

Wir laufen 15 Min. in etwas zugigem Abendwind heim ins Glacier. Corinna macht mit Andrea noch einen drauf. Ihr Rotwein „Senora Paula“ machte ARP 98! Sie feiert die Feste wie sie fallen…..und nimmt sich selbst am nächsten Morgen auch nicht so wichtig, wenn sie einen Kater hat!

Sonntag, 25.1.09     Base Las Torres

Ein liebenswerter Chilene mit treuherzigem Vollmondgesicht serviert uns kalte und warme Milch, bringt Rühreier, ansonsten steht alles schon auf den Tischen. Die Nacht in den Stockbetten mit Klaus gegenüber verlief überraschend ruhig - er hatte mir sogar die Installation einer Wäscheleine angeboten… weiß halt nicht, was Hausfrauen so im Laufe ihres Lebens alles lernen.

Gut gestärkt brechen wir gegen 8.30 h auf zum Fußpunkt der Berggruppe Torre Sud – der von hier unten aus nicht sichtbar ist -, dem 2 800 m hohen Torre Central, North Tower und Condors Nest. Nach 2 Std. Aufstieg am Rio Ascencio entlang sind wir zu dritt an der ersten Hütte angelangt und warten, inzwischen in Regenmänteln, 30 Min. auf den Rest der Gruppe. Dann geht’s noch mal 1 ½ hr weiter durch dichten Wald und später ein steiles, steiniges Feld ohne groß erkennbare Wegmarkierungen zum Mirador am Fuße der Torres mit graugrünem See. Starker Wind und ein bisschen zuviel Nebel für meinen Geschmack, sodaß die Fotos nicht ganz so super werden wie erträumt. Westlich der Torresspitzen liegt der schneebedeckte breite Rücken des Monte Almirante Nieto. 3 nette ältere Herren aus dem Schwarzwald klären mich über den Unfall auf, der weiter unten am Fuße des Sees eine Ansammlung von Menschen  verursacht hat. Elke ist mal wieder im Einsatz. Klaus trägt später 2 Rucksäcke runter und hatte für uns vorher schon geschätzte 20 Äpfel hochgeschleppt. Ich hatte die leichteren Keks und Riegelportionen bei mir. Wir erfahren am nächsten Tag aus der Zeitung, dass der verunglückte junge Österreicher früh aufgebrochen war, beim unerlaubten Abstieg vom Mirador runter zum See eine stark blutende Kopfverletzung erlitt und erst viele Stunden später von Bekannten gefunden wurde. Während ich die letzten 100 m zum Ziel hoch stapfte, wunderte ich mich noch über zwei junge Einheimische, die mit einer „Bierbank“ schweißüberströmt, aber unglaublich flott vorbeizogen. Das war die „Bahre“ für den Verletzten. Ein Hubschrauber kam nicht zum Einsatz.

An der unteren Hütte picknicken wir in alter Manier und ich genehmige mir noch einen Kaffee. Ein Gaucho in gewohntem Aufzug mit Baskenmütze, buntem Tuch und Gamaschen bringt Nachschub in die Wirtschaft, den er auf runden Basträdern am Pferd befestigt hatte. Ich mache mich als erste auf die Socken, den Wind immer schön von vorn, fotografiere glatte rote Beeren am Steilpfad und reißende Schluchten. Am Ende verpasse ich noch die richtige Flußüberquerung und muß einen Camper fragen, der grade mit seinem Waschbeutel meinen Weg kreuzt. Bin um 16.30 h im Hostel und schnappe mir eine funktionierende heiße Dusche. Dann Wäsche erledigen und notdürftig auf verschiedene „Leinen“ und diverse Ecken der Unterkunft verteilen – da kann schon mal was liegen bleiben. Der Rest der Gruppe trudelt langsam ein, trinkt draußen noch ein Bier. 1 h später sitzen wir alle in der großzügigen sonnendurchfluteten Lounge, ich auf farbenfroh mexikanisch gestreiften Kissen auf der Holzkiste am Fenster, Pferde grasen vor der Tür und ich sehe in müde, aber zufriedene Gesichter.

Mittwoch, 28.1.09    Punta Arenas & Feuerland

Corinna & ich räumen unsere sieben Sachen zusammen, da geht nebenan eine vermeintliche Schlägerei los, Schreie, Hämmern gegen die Tür. Wir sitzen gemütlich bei Toast und Joghurt, da verkündet Isabel, dass Jochen ins Krankenhaus muss. Er hat sich unter der Dusche derartige Verbrennungen zugezogen, dass Elke mal wieder Gelegenheit bekommt, ihr Reise-Lazarett zu öffnen. 

Wir anderen fahren um 9.15 h mit einem komfortablen Reisebus von Punta Arenas in Richtung Ushuaia. Er hat sogar Toilette an Bord, Kaffee und Sandwich mit Kuchen. Nach 2 Std. erreichen wir Punta Delgada, wo uns die Fähre in 20 Min. über die Magellanstraße nach Feuerland bringt. Unterwegs verfolgen uns rudelweise flinke schwarz-weiße Commerson Delphine, die ich so noch nirgends vorher in meinem Leben gesehen habe. Synchron springen sie aus den Bugwellen und rasen unter Wasser weiter bis zum nächsten Luftsprung. Wenigstens ein Bild wird scharf, wie ich erst zu Hause am Laptop feststelle. Um 14.30 h erreichen wir San Sebastian, die Grenze zu Argentinien. Die Formalitäten auf beiden Seiten kosten uns insgesamt 2 Std., das Gepäck wird aber nicht kontrolliert. Hier sind die Chilenen strenger. Wir rauschen weiter auf der Rte. 3 am Mar Argentino entlang bis Rio Grande. Es gilt, mit neuen tickets in einen engen Minibus nebst Gepäckanhänger zu wechseln. Wann er kommt, kann Helmut nicht sagen. Wir haben aber Glück und ich habe einen Einzelsitz buchstäblich auf der Sonnenseite ergattert. Dummerweise befindet sich meine inzwischen stattlich angewachsene private Bordbücherei im Handgepäck, welches jetzt während der nächsten 3 Std. tonnenschwer auf meinem Schoß lastet. Neben mir nur Rucksäcke, Füße nicht bewegen, Knochen am besten einfrieren! Trotzdem wird diese Fahrt zu einer der unvergeßlichsten von der ich berichten kann. Ich öffne das Fenster einen Spalt und so belebt mich der Fahrtwind, den ich im Überlandbus mangels funktionierender Klimaanlage so vermisst habe. Die Rte. 3 entwickelt sich zu meiner neuen Traumstraße – für Motorradfahrer bei schönem Wetter ein El Dorado. Sie führt am Meer entlang nach Tolhuin am östlichsten Zipfel des Lago Fagnano und biegt dann westlich nach Ushuaia ab. Unglaubliche Wolkengebilde spielen am Himmel nur für mich, ich  erfinde Walfische, Delphine mit Nixenfüßen, zerzauste Wattebäusche, Meere aus Schäfchen in weiter Ferne und davor in 3 D eine große graue von einem einzigen Sonnenstrahl durchstoßene Wetterfront. Teilweise kahle niedere Bäume zeigen die Windrichtung mit ihren silbrig glänzenden, glatt abgewetzten, bemitleidenswerten aber eben unglaublich zähen Stämmchen. Schneebedeckte Berge dekorieren den Hintergrund zum gefühlten Paradies. Um mich rum Schnarchen, Eingenickte oder Lesende, das Motorengeräusch lässt jedem seine eigene Welt – ich genieße das exklusive Erlebnis und versuche es ganz fest zu konservieren. Wir sind auf der Teerstraße jetzt  zügig unterwegs und so vergeht die Zeit im Flug. 

Hostel Linares liegt weiter oben in der Bucht am Beagle Kanal und hat eine tolle Aussicht aus weiten Panoramafenstern im Wohnzimmer auf den Hafen der südlichsten Stadt der Welt. Parkettboden und rot-goldene Polstergarnituren verbreiten gehobene Behaglichkeit, wenn auch auf engem Raum. Diesmal haben Corinna & ich ein Dreibett-Zimmer, genießen die Geräumigkeit und ignorieren einfach, dass die niedrigen Fenster direkt an der stark befahrenen Hauptstraße liegen und nicht zu kippen sind. Ich freue mich auf einen freien Abend und trödle rum. Unterlagen ordnen, Wäsche machen, Fotos checken, Batterien laden, Einkäufe planen, Geldreserven überprüfen, lesen…ach ja, Nägel sollt ich vielleicht auch mal feilen…

Donnerstag, 29.1.09    PN Tierra del Fuego

Gemütliches Frühstück an kleinen liebevoll gedeckten Tischen, aber langsam sehne ich mich nach Pfister Bauernbrot und einer Alternative zu gekochtem Schinken und Scheibenkäse. Um 9 h Abfahrt in den Nationalpark Feuerland; am Rangerhaus gibt es englische Wegbeschreibungen. Wir nehmen walk no. 2, der in 3 Std. z. T. am beach des Beagle Canals  entlang führt, rauf und runter durch unberührten Urwald, grüne Felsen zum Lago Roca, insgesamt 8 km. Anfangs nur Nebel, der jetzt in Regen übergeht und uns um den Nachmittags-Rundflug bangen lässt. Aber zunächst mal einen knusprigen argentinischen Hot dog mit scharfer Soße verspeist. Unter Bäumen warten wir leicht bibbernd auf den für 13 h angekündigten Kleinbus, der sich aus unerfindlichen Gründen um einiges verspätet. Jetzt aber ab in die Stadt – manche Läden haben Mittagspause, Kodak führt auch meine Speicherkarte, aber zum doppelten Preis. Durch eine umfassende Löschaktion habe ich Platz geschaffen, das muß reichen! Es gibt schöne Buchläden. Die topografische Karte zum Aconcagua-Gebiet enthält leider keine näheren Angaben zu Hütten und Wegeabschnitten. Über Antarctica gibt es auch einiges, aber nachdem ich ja nicht wirklich dort war…….siegt die Vernunft über den Wunsch.

Um 16 h müssen wir pünktlich los zum Sportflughafen Ushuaia. Das Wetter hat sich wie durch ein Wunder prächtig aufgeheitert….einfach unberechenbar, die Einheimischen haben schon recht. Es geht mit 2 Maschinen des Typs „Piper“ (Propeller vorn) in 30 Min. über den Beagle Canal an Puerto Williams auf der chilenischen Insel Navarino vorbei, die Darwin Kordillieren zu beiden Seiten, schneebedeckte Gipfel des NP Feuerland und in der Ferne ein Gletscher, der aus ungeklärten Gründen noch nicht bis in einen der Fjorde gelangt ist, sondern mitten im Land stoppt. Die Atmosphäre erinnert mich ein weiteres Mal an Neuseeland, den Rundflug über 90mile-beach. Dies alles sehen zu dürfen, werde ich ewig dankbar sein. Vor 2 Std. noch patagonischer Dauerregen und jetzt diese lichtdurchflutete Urwelt. Die Piper schwankt und schaukelt – ich sitze locker im knallroten Ledersessel auf der Jagd nach dem besten Motiv, fühle mich in meinem Element und sauge alles über die Augen ins Herz.

Bezugsquelle :

Christine Grandy-Dick

Tel: 0871 9664332

This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.